Warum wir Frauen zu wenig fordern – und was das mit unserer Geschichte zu tun hat

Ein Blick zurück, der dir hilft, dich selbst besser zu verstehen

Viele Frauen kennen das Gefühl, viel zu leisten, oft sogar mehr zu tragen als ihr Umfeld sieht – und trotzdem zögern sie, mehr zu verlangen. Ob es um Gehalt geht, um Anerkennung, um klare Grenzen oder finanzielle Unabhängigkeit: das innere Ringen ist häufig größer als das äußere Hindernis. 

Diese Zurückhaltung wird oft als persönliches Defizit erlebt – als Schüchternheit, Unsicherheit oder fehlender Mut. 

Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Dieses Zögern ist nicht zufällig. Es hat Geschichte. Und es sitzt tiefer, als uns bewusst ist.

Frau ratlos
Mittelalterfrau

Die Angst, zu viel zu wollen – ein Erbe der Verfolgung

Zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert wurden in Europa zehntausende Frauen verfolgt, gefoltert und verbrannt – weil sie zu klug, zu unabhängig, zu heilkundig oder zu selbstbestimmt lebten. Die sogenannte „Hexenverfolgung“ war nicht etwa ein dunkler Aberglaube, der sich aus Versehen in die Geschichte eingeschlichen hat – sie war ein machtpolitisches Werkzeug, um Kontrolle über weibliche Kraft auszuüben. 

Wer als Frau auffiel, wer Wissen besaß, wer ohne männliche Erlaubnis wirkte, war gefährlich. Die Botschaft war klar: Weibliche Autonomie wird bestraft. Dieses kollektive Trauma – auch wenn es weit zurückliegt – wirkt bis heute nach. 

Denn die Angst, zu viel zu sein, sich sichtbar zu machen oder Grenzen zu überschreiten, hat sich tief ins weibliche Gedächtnis eingeschrieben. Nicht als konkrete Erinnerung, sondern als innerer Reflex: lieber anpassen als anecken.

Industrialisierung: Mehr Arbeit, weniger Lohn, keine Stimme

Mit dem Beginn der Industrialisierung verloren viele Frauen ihre Rolle in der familiären Produktion. Statt an der Seite von Ehemännern oder in eigenständiger Tätigkeit zu wirtschaften, fanden sie sich nun in Fabriken wieder – oft unter miserablen Bedingungen. 

Sie arbeiteten hart, teilweise mehr als 14 Stunden am Tag, und bekamen dafür einen Bruchteil dessen, was Männer für die gleiche Arbeit verdienten. Der sogenannte „Zubrotlohn“ spiegelte eine gesellschaftliche Haltung wider, die Frauen lediglich als Ergänzung zum männlichen Hauptverdiener betrachtete – auch wenn ihr Beitrag lebensnotwendig war. 

Und als ob das nicht genügt hätte, leisteten sie zusätzlich unbezahlte Sorgearbeit: Kinder, Haushalt, Pflege. Diese wirtschaftliche Abwertung – öffentlich geduldet und gesellschaftlich getragen – verstärkte die Vorstellung, dass weibliche Leistung selbstverständlich, aber kaum bezahlungswürdig sei. Eine Haltung, die viele Frauen bis heute in sich tragen, ohne sie zu hinterfragen.

Frau traurig
Hausfrau in den Sixties

Wirtschaftswunderzeit: Rückschritt unter dem Deckmantel des Fortschritts

In der Nachkriegszeit waren es oft die Frauen, die das Land zusammenhielten: Sie arbeiteten, organisierten, trugen Verantwortung. Doch kaum kehrte wirtschaftliche Stabilität ein, wurden sie aus dem öffentlichen Leben wieder zurück ins Private gedrängt. 

Das Ideal der Wirtschaftswunderfrau war nicht die berufstätige Gestalterin, sondern die freundliche, zurückhaltende Hausfrau. Werbung, Politik und gesellschaftliche Normen verstärkten dieses Bild mit Nachdruck: Eine Frau, die funktionierte, ohne zu fordern. 

Die „gute Partie“ war das Ziel, nicht finanzielle Selbstständigkeit. Dass Frauen bis 1977 ohne Zustimmung ihres Mannes nicht einmal uneingeschränkt arbeiten durften, ist kein Nebensatz der Geschichte – es ist einer der Gründe, warum viele Frauen noch heute zögern, ihre Freiheit laut zu leben. 

Denn wo Eigenständigkeit als Abweichung galt, wurde Anpassung zur Gewohnheit.

Was das heute mit dir zu tun hat

Wenn du dich manchmal dabei ertappst, dass du dich zurückhältst – obwohl du genau weißt, was du brauchst oder willst –, dann ist das nicht Schwäche. Es ist ein Echo. Ein Echo aus Jahrhunderten weiblicher Anpassung, Unterdrückung und Unsichtbarmachung. Doch das Entscheidende ist: Du kannst heute neu wählen. Du darfst mehr wollen, ohne dich zu rechtfertigen. Du darfst Nein sagen, ohne Schuld zu empfinden. Du darfst deinen Wert erkennen – und ihn in Worten, Preisen und Grenzen ausdrücken. Nicht gegen deine Geschichte, sondern in Würdigung dessen, was andere Frauen vor dir nicht durften. Denn wenn du heute beginnst, dich selbst ernst zu nehmen, forderst du nicht nur für dich – du schreibst Geschichte um. Still. Klar. Unumkehrbar.

Frauen und Geld sind keine Gegensätze. Finanzielle Selbstbestimmung ist kein Ego-Trip, sondern ein Akt der Selbstachtung. Und deine Unsicherheit ist kein Zufall – sie ist das Ergebnis einer langen, oft schmerzhaften weiblichen Geschichte. Doch du musst sie nicht weiterschreiben.
Du darfst heute den Stift in die Hand nehmen – und neu beginnen.

Was du heute verändern kannst – und warum dein Denken über Geld der Schlüssel ist

Vielleicht spürst du beim Lesen des bisherigen Artikels, dass du vieles davon in dir wiedererkennst – ohne je darüber nachgedacht zu haben. Vielleicht wird dir jetzt klar, dass es nicht an dir liegt, wenn du dich manchmal schwer tust, für dich einzustehen. Und vielleicht fragst du dich gerade zum ersten Mal, wie du diese stillen Muster wirklich hinter dir lassen kannst.

Der nächste Schritt ist kein Sprung. Es ist kein „Reiß dich zusammen“. Es ist ein bewusster Blick nach innen: Was denke ich über Geld? Was glaube ich, verdient zu haben? Und was halte ich unbewusst noch für gefährlich oder falsch?

 

Frau schreibt Notiz

Was wurde mir über Geld beigebracht – und was möchte ich davon loslassen?

Nimm dir 10 Minuten, ein Blatt Papier und einen Stift. Und dann beantworte in deinem Tempo folgende Fragen:

  1. Welche Sätze über Geld hast du in deiner Kindheit häufig gehört?
    (z. B. „Geld wächst nicht auf Bäumen“, „Reiche sind arrogant“, „Man muss hart schuften“)

  2. Wie haben deine Mutter oder Großmutter über Geld gesprochen – oder eben nicht?
    (War Geld ein Tabuthema? Gab es Scham, Streit oder Abhängigkeit?)

  3. Welche Gefühle verbindest du spontan mit dem Gedanken an „viel Geld“?
    (Freude? Druck? Schuld? Misstrauen? Sehnsucht?)

  4. Wovor hättest du insgeheim Angst, wenn du plötzlich sehr wohlhabend wärst?
    (Würden andere dich beneiden? Würdest du dich isoliert fühlen? Dich verändern?)

  5. Welche dieser Gedanken möchtest du nicht länger für dich wahr machen?
    (Markiere oder streiche, was du loslassen möchtest.)

  6. Welche neuen Überzeugungen möchtest du stattdessen stärken?
    (z. B. „Ich darf finanziell frei sein, ohne mich zu rechtfertigen“, „Geld verstärkt das Gute in mir“)


Diese Übung ist kein Test. Sie ist ein Spiegel.
Und manchmal braucht es diesen ersten ehrlichen Blick, um zu erkennen, dass es nicht der äußere Kontostand ist, der uns klein hält – sondern ein inneres Bild, das wir nie selbst gewählt haben.

Im nächsten Beitrag sprechen wir genau darüber:
Wie dein Denken über Geld deine Realität formt – und wie du es neu gestalten kannst.

→ Zum nächsten Beitrag: Geld beginnt im Kopf

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